Lehre mit Matura: Welche Berufe gehen — und welche eher nicht

Du willst eine Lehre machen, aber die Matura nicht einfach abhaken? Dann hast du schon gehört: Das geht, und zwar ohne dass du dafür die Lehre hinschmeißen musst. Die Frage, die dann fast immer kommt: Lehre mit Matura, welche Berufe gehen da überhaupt? Die ehrliche Antwort ist überraschend: formal fast alle. Praktisch hängt es aber stark davon ab, wie dein Arbeitsalltag aussieht. Genau darum geht es hier, ohne Schönfärberei.

Lehre mit Matura: welche Berufe gehen wirklich?

Die Matura neben der Lehre heißt offiziell Berufsreifeprüfung. Sie ist nicht an einen bestimmten Lehrberuf gebunden. Ob du Elektrotechniker, Bürokauffrau, Koch oder Tischler wirst: Zugang hast du mit einem Lehrabschluss, und die Vorbereitung kannst du in der Regel schon während der Lehre starten. Auf dem Papier gibt es also keine „verbotenen“ Berufe.

Was sich von Beruf zu Beruf unterscheidet, ist die Zeit, die du neben der Arbeit wirklich frei hast. Ein Kurs am Abend funktioniert super, wenn du um 16 Uhr Feierabend hast. Er wird zäh, wenn du am Wochenende arbeitest oder in Schichten eingeteilt bist. Die Berufswahl entscheidet also nicht, ob du Matura machen darfst, sondern wie entspannt du dabei bleibst.

So läuft die Matura neben der Lehre ab

Die Berufsreifeprüfung besteht aus vier Teilen: Deutsch, Mathematik, einer lebenden Fremdsprache (meist Englisch) und einem Fachbereich. Du legst sie einzeln ab, nicht alle an einem Tag. Das ist der große Vorteil: Du kannst Teil für Teil abhaken, statt dich auf einen riesigen Prüfungstermin vorzubereiten.

  • Die Vorbereitungskurse laufen meist am Abend oder an Samstagen, je nach Anbieter.
  • Für Lehrlinge sind die Kurse in der Regel gefördert oder kostenlos. Die genauen Bedingungen klärst du am besten direkt beim Kursanbieter und in deinem Betrieb.
  • Du bestimmst das Tempo mit: Manche machen einen Teil pro Lehrjahr, andere starten erst nach der Abschlussprüfung.

Rechne ehrlich mit zusätzlichen Stunden pro Woche. Wie viele es sind, hängt von deinem Anbieter und deinem Lerntyp ab. Wichtig ist nur: Es ist machbar, aber es kostet Freizeit.

Wo es besonders gut passt

Am entspanntesten läuft Lehre mit Matura dort, wo du verlässliche Arbeitszeiten hast. Dazu zählen viele technische Berufe, Büro- und Verwaltungsberufe sowie der Einzelhandel mit geregelten Öffnungszeiten. Wenn du jeden Tag ungefähr zur gleichen Zeit fertig bist, kannst du Kurse fix einplanen.

Auch in großen Betrieben im Mostviertel ist das oft leichter, weil es dort Erfahrung mit Lehrlingen gibt, die nebenbei Matura machen. Ein Ausbilder, der das schon dreimal erlebt hat, plant anders als einer, der zum ersten Mal davon hört. Wie die Berufe aussehen, findest du auf unserer Seite zu den Lehrberufen.

Wo es zäh wird

Schwieriger wird es bei Berufen mit unregelmäßigen Zeiten: Gastronomie mit Abend- und Wochenenddiensten, Friseurbetriebe mit langen Samstagen, Betriebe mit Schichtarbeit oder starken Saisonspitzen. Hier fällt ein Kurs am Dienstagabend schnell aus, weil du gerade im Dienst stehst.

Das heißt nicht, dass es unmöglich ist. Es heißt: Du brauchst einen Betrieb, der mitspielt, und Kurse, die flexibel sind. Frag beim Anbieter nach, ob Termine verschiebbar sind oder ob es Blockmodelle gibt. Und sei ehrlich zu dir selbst: Wenn du nach einem Arbeitstag körperlich platt bist, brauchst du mehr Geduld mit dir.

Der Fachbereich: Dein Beruf wird zum Prüfungsstoff

Der vierte Teil der Prüfung ist der Fachbereich, und der hat einen Haken, den man als Bonus sehen kann. Er knüpft an deinen Beruf an. Du musst also nicht bei null starten, sondern baust auf dem auf, was du im Betrieb sowieso jeden Tag lernst. Wer in der Werkstatt steht, hat bei technischen Inhalten einen Vorsprung. Wer im Büro arbeitet, kennt vieles aus Wirtschaft und Organisation schon aus der Praxis.

Das macht den Fachbereich oft zum angenehmsten Teil der Prüfung. Härter sind für viele Mathematik und Deutsch, weil sie lange zurückliegen. Plane dafür lieber etwas mehr Zeit ein.

Was dein Betrieb dazu sagen sollte

Ohne Rückhalt im Betrieb wird es mühsam. Sprich das Thema am besten schon beim Vorstellungsgespräch oder beim Schnuppern an. Ein Betrieb, der das positiv sieht, merkt sich nämlich, dass du ehrgeizig bist. Fragen, die du stellen kannst:

  • Gab es schon Lehrlinge, die nebenbei Matura gemacht haben?
  • Bekomme ich für Kurse oder Prüfungen frei, wenn sie in die Arbeitszeit fallen?
  • Gibt es Schichten oder Spitzenzeiten, in denen ich eher nicht planen sollte?
  • Unterstützt der Betrieb mich bei Fachbereich oder Lernmaterial?

Passende Betriebe findest du bei den Lehrbetrieben auf SKILL UP!, und freie Plätze stehen bei den offenen Lehrstellen. Wenn du erst noch vergleichst, erklärt dir unser Beitrag, wie du Ausbildung und Reifeprüfung kombinierst. Die Kehrseite beleuchtet der Text zu den ehrlichen Nachteilen.

Ein typisches Lehrjahr mit Matura-Kurs

Damit du dir das besser vorstellen kannst: Du startest im Betrieb, lernst die Abläufe kennen und bekommst nach und nach eigene Aufgaben. In den ersten Monaten ist alles neu, und genau da hilft es, den Matura-Kurs noch nicht dazuzupacken. Viele steigen erst im zweiten Lehrjahr ein, wenn der Alltag im Betrieb sitzt und die Berufsschulblöcke bekannt sind.

Dann läuft es meist so: Ein- bis zweimal pro Woche ein Kurs am Abend, dazu etwas Lernzeit zu Hause, vor Prüfungen ein paar Wochenenden mehr. Ein Teil ist abgehakt, du gönnst dir eine Pause, und dann kommt der nächste. Wer so plant, spürt die Doppelbelastung deutlich weniger, als wenn er alles auf einmal starten will.

Drei Mythen, die sich hartnäckig halten

Mythos 1: „Mit Matura bist du fürs Handwerk verloren.“ Stimmt nicht. Viele bleiben in ihrem Beruf und nutzen die Matura als zusätzliche Option. Du entscheidest erst später, ob du sie brauchst.

Mythos 2: „Die Matura macht die Lehre schlechter.“ Die Lehre bleibt ein eigener, vollwertiger Abschluss. Die Matura kommt dazu, sie ersetzt nichts. Wichtig ist nur, dass dein Betrieb weiß, was du vorhast, damit Arbeit und Lernen nicht gegeneinander laufen.

Mythos 3: „Das schafft man nur mit Einser-Zeugnis.“ Auch das stimmt nicht. Entscheidend sind Dranbleiben und gute Planung. Wer in der Schule nicht der Überflieger war, kann trotzdem durchkommen, weil Kurse und Prüfungen in kleinen Schritten laufen.

Wenn die Matura nicht sofort passt

Vielleicht merkst du mitten im ersten Lehrjahr, dass dir die Zeit fehlt. Dann ist nichts verloren. Du kannst die Matura auch nach dem Lehrabschluss angehen, wenn dein Alltag ruhiger ist oder du dich im Beruf eingelebt hast. Gerade wer auf Dauer eine Weiterbildung plant, hat damit ein flexibles Zeitfenster. Wichtig ist nur: Informiere dich frühzeitig, welche Schritte du brauchst, und lass dir von Betrieb und Kursanbieter die Optionen erklären.

Fünf Fragen, bevor du dich entscheidest

  • Wie sieht mein Arbeitstag in diesem Beruf aus, und wann habe ich wirklich Feierabend?
  • Brauche ich die Matura für ein konkretes Ziel, zum Beispiel ein Studium oder eine Meisterstelle?
  • Lerne ich lieber verteilt über Jahre oder in einem Rutsch nach der Lehre?
  • Spielt mein Betrieb mit?
  • Habe ich genug Energie für Abendkurse, oder brauche ich zuerst ein Lehrjahr zum Eingewöhnen?

Wenn du die Fragen beantworten kannst, weißt du meist schon, ob der Weg zu dir passt. Und falls nicht: Ein Schnuppertag zeigt dir oft mehr als jede Broschüre. Mehr dazu liest du im Beitrag zum Schnuppertag vor der Lehre.

Häufige Fragen zur Lehre mit Matura

Kann ich in jedem Lehrberuf Matura machen?

Ja, grundsätzlich schon. Voraussetzung ist ein Lehrabschluss, die Vorbereitung kannst du aber meist schon früher beginnen. Wie leicht es im Alltag klappt, hängt von Arbeitszeiten und Betrieb ab.

Muss ich alle vier Prüfungsteile gleichzeitig machen?

Nein. Du legst die Teile einzeln ab und kannst dir die Reihenfolge so einteilen, wie es für dich passt.

Brauche ich als Lehrling Zeit vom Betrieb für die Kurse?

Das hängt vom Kurszeitpunkt ab. Die meisten Kurse liegen außerhalb der Arbeitszeit. Fallen Termine oder Prüfungen in die Arbeitszeit, sprichst du die Freistellung vorab mit deinem Betrieb ab.

Lohnt sich die Matura, wenn ich eh einen guten Beruf lerne?

Sie ist ein Türöffner: für ein Studium, für eine Fachhochschule oder für Weiterbildungen, die ohne Matura schwieriger sind. Wenn du das alles nie brauchst, ist sie trotzdem ein Beweis, dass du dranbleibst.

Fazit: Gehen tut fast alles, passen muss es trotzdem

Lehre mit Matura funktioniert in fast jedem Beruf, aber nicht jeder Arbeitsalltag macht es dir gleich leicht. Mit geregelten Zeiten und einem Betrieb, der dich unterstützt, ist es gut machbar. Bei Schichtdienst und Wochenendarbeit brauchst du mehr Planung und Durchhaltevermögen. Schau dir die Lehrberufe in Ruhe an, such dir einen Betrieb, bei dem du dich verstanden fühlst, und frag beim ersten Gespräch einfach nach. Wer fragt, bekommt Antworten. Ehrlich.