Lehre nach der Matura: Warum sich die verkürzte Lehrzeit für Maturantinnen und Maturanten lohnen kann
Matura in der Tasche, und jetzt? Uni, FH, Kolleg, ein Jahr Pause? Oder doch etwas, das bei vielen gar nicht auf dem Radar ist: eine Lehre nach Matura. Klingt für manche nach Rückschritt, ist aber oft das Gegenteil. Mit Reifeprüfung geht die Lehre schneller, du verdienst ab dem ersten Tag eigenes Geld, und am Ende hast du zwei Abschlüsse, mit denen dir ziemlich viele Türen offenstehen. Hier liest du, wie die verkürzte Lehrzeit funktioniert, was sich in der Berufsschule ändert, worauf du beim Lehrbetrieb achten solltest und für wen der Weg wirklich passt.
Lehre nach Matura: Was das eigentlich heißt
Den Begriff verwechseln viele mit der Lehre mit Matura. Das sind aber zwei verschiedene Wege. Bei der Lehre mit Matura machst du die Reifeprüfung parallel zur Ausbildung. Bei der Lehre nach Matura ist es umgekehrt: Du hast die Matura schon, egal ob von einer AHS oder einer BHS, und startest danach eine ganz normale Lehre in einem Betrieb.
Ganz normal heißt: Lehrvertrag, Lehrbetrieb, Berufsschule, Lehrabschlussprüfung. Der Unterschied liegt im Tempo. Weil du schon eine abgeschlossene Schulbildung mitbringst, rechnet dir das System einen Teil der Lehrzeit an. Du bist also schneller fertig als jemand, der direkt nach der Pflichtschule anfängt.
Und nein, du bist damit nicht die oder der Einzige. Immer mehr Maturantinnen und Maturanten merken, dass sie nach zwölf oder dreizehn Jahren Schule lieber etwas mit den Händen, am Computer im Betrieb oder direkt mit Kundinnen und Kunden machen wollen, statt noch einmal jahrelang im Hörsaal zu sitzen.
So funktioniert die verkürzte Lehrzeit
Die Grundregel ist einfach: Mit Matura verkürzt sich die Lehrzeit um ein Jahr. Aus einem dreijährigen Lehrberuf werden zwei Jahre, aus einem vierjährigen drei. Das gilt laut Wirtschaftskammer genauso, wenn du schon eine andere Berufsausbildung abgeschlossen hast.
Ein paar Details solltest du kennen, bevor du unterschreibst:
- Die Verkürzung ist freiwillig. Du und dein Lehrbetrieb könnt auch die volle Lehrzeit vereinbaren, zum Beispiel wenn der Beruf sehr praxisintensiv ist und du dir mehr Zeit nehmen willst.
- Zweijährige Lehrberufe werden nicht verkürzt. Die sind ohnehin schon kurz.
- Die Lehrjahre werden neu aufgeteilt. Bei einem dreijährigen Beruf sind es dann drei Abschnitte zu je acht Monaten statt drei ganzen Jahren. Bei vierjährigen Berufen sieht die Wirtschaftskammer eine Aufteilung von 8, 8, 10 und 10 Monaten vor.
- Mit einer facheinschlägigen BHS kann noch mehr angerechnet werden. Wer zum Beispiel eine HTL oder HAK passend zum Lehrberuf abgeschlossen hat, bekommt unter Umständen deutlich mehr Lehrzeit angerechnet, in manchen Fällen sogar die ganze. Diese Anrechnungen sind verpflichtend.
Welche Regel für deinen Wunschberuf genau gilt, klärst du am besten vorab mit der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer in deinem Bundesland. Die Regeln können sich ändern, und bei BHS-Abschlüssen hängt viel vom konkreten Schulzweig ab.
Berufsschule für Maturantinnen und Maturanten
Die Berufsschule gehört auch zur Lehre nach der Matura. Weil deine Lehrzeit kürzer ist, wird aber auch die Berufsschule angepasst. In der Regel kannst du eine Schulstufe überspringen, damit du die Berufsschule in der verkürzten Zeit abschließt. Für manche Lehrberufe gibt es sogar eigene Klassen für Leute mit verkürzter Lehrzeit, da sitzt du dann mit anderen Maturantinnen und Maturanten zusammen.
Dazu kommt ein Vorteil, den viele nicht kennen: Auf Antrag kannst du von einzelnen Fächern befreit werden, wenn du die Vorkenntnisse nachweisen kannst. Englisch oder Deutsch und Kommunikation nach einer Matura noch einmal von vorne? Muss nicht sein. Wie die Abwicklung in deinem Fall läuft, stimmen Lehrbetrieb und Berufsschule miteinander ab. Wie die duale Ausbildung grundsätzlich funktioniert, liest du in unserem Beitrag zur Berufsschule in der Lehre.
Was du in der Lehre nach der Matura verdienst
Hier wird es für viele spannend. Während deine Freundinnen und Freunde an der Uni oft noch nebenbei jobben, bekommst du in der Lehre ab dem ersten Monat dein Lehrlingseinkommen. Wie hoch es ist, regelt der Kollektivvertrag deines Lehrberufs.
Bei verkürzter Lehrzeit passt sich auch das Einkommen an die neuen Abschnitte an. Bei einem dreijährigen Beruf bekommst du zum Beispiel die ersten acht Monate das Einkommen des ersten Lehrjahres, die nächsten acht Monate das des zweiten und so weiter. Laut Wirtschaftskammer zahlen viele Betriebe Maturantinnen und Maturanten aber schon von Anfang an das Einkommen des zweiten Lehrjahres. Außerdem sehen manche Kollektivverträge für Lehrlinge über 18 ein höheres Einkommen vor.
Konkrete Beträge hängen also stark von Branche und Betrieb ab. Frag im Bewerbungsgespräch ruhig direkt nach, das ist völlig normal. Was vom Brutto am Ende übrig bleibt, erklärt unser Beitrag zur Lehrlingsentschädigung netto.
Warum Betriebe Maturantinnen und Maturanten gerne nehmen
Jetzt mal ehrlich: Für einen Lehrbetrieb bist du als Maturantin oder Maturant ein ziemlich interessanter Lehrling. Du bist meistens 18 oder älter, hast Erfahrung mit Lernen und Prüfungen, kannst selbstständig arbeiten und bist schneller fertig ausgebildet. Für den Betrieb heißt das: Du bist früher eine vollwertige Fachkraft.
Gerade in Berufen mit viel Theorie, etwa in Büro- und Handelsberufen, in der IT, in technischen Berufen wie Elektro- oder Mechatronik oder im Gesundheits- und Sozialbereich, kommt dir dein Schulwissen direkt zugute. Aber auch im Handwerk wird dein Matura-Hintergrund geschätzt, weil du Pläne lesen, rechnen und mit Kundinnen und Kunden sauber kommunizieren kannst.
Viele Betriebe im Mostviertel und in ganz Niederösterreich und Oberösterreich suchen aktiv Lehrlinge und freuen sich über Bewerbungen von Leuten mit Matura. Welche Unternehmen bei SKILL UP! dabei sind, siehst du bei den Lehrbetrieben.
Für wen sich eine Lehre nach Matura lohnt
Nicht für alle ist das der richtige Weg. Aber für ziemlich viele. Eine Lehre nach der Matura passt besonders gut zu dir, wenn …
- … du nach der Schule endlich etwas Praktisches machen willst, statt weiter nur Theorie zu lernen.
- … du dein eigenes Geld verdienen willst, statt dich durch ein Studium zu finanzieren.
- … du ein Studium angefangen hast und gemerkt hast, dass es nicht deins ist.
- … du einen konkreten Beruf im Kopf hast, für den es kein Studium braucht.
- … du später eine Meisterprüfung, Werkmeisterschule oder Selbstständigkeit im Auge hast.
Weniger gut passt der Weg, wenn dein Wunschberuf zwingend ein Studium voraussetzt, etwa Medizin oder Lehramt. Dann ist die Lehre eher eine Zwischenstation, was übrigens auch völlig okay sein kann. Wenn du noch zwischen Lehre und weiterführender Ausbildung schwankst, hilft dir unsere ehrliche Entscheidungshilfe.
Welche Lehrberufe für Maturantinnen und Maturanten passen
Grundsätzlich steht dir jeder Lehrberuf offen. Ein paar Gruppen sind bei Maturantinnen und Maturanten aber besonders beliebt:
- Kaufmännische Berufe: Bürokauffrau oder Bürokaufmann, Industriekauffrau oder Industriekaufmann, Steuerassistenz, Speditionskaufleute.
- Technik und IT: Applikationsentwicklung, Informationstechnologie, Elektrotechnik, Mechatronik, Metalltechnik.
- Handwerk: Tischlerei, Spenglerei, Installations- und Gebäudetechnik, Zimmerei.
- Tourismus und Gastronomie: Hotel- und Gastgewerbeassistenz, Köchin oder Koch, Konditorei.
Spannend ist der Blick über den Tellerrand: Gerade mit einer AHS-Matura ohne Fachrichtung kannst du dir eine Lehre ganz frei aussuchen. Einen Überblick über Berufe, Inhalte und Lehrzeiten findest du bei den Lehrberufen auf SKILL UP!.
So findest du den passenden Lehrbetrieb
Die Suche läuft im Prinzip genauso wie bei allen anderen Lehrstellensuchenden. Ein paar Tipps helfen dir aber, als Maturantin oder Maturant zu punkten:
- Sag es gleich im Anschreiben. Schreib dazu, dass du Matura hast und an einer verkürzten Lehrzeit interessiert bist. So weiß der Betrieb sofort, woran er ist.
- Erklär deine Motivation. Warum Lehre statt Studium? Eine ehrliche Antwort überzeugt mehr als jede Floskel.
- Geh schnuppern. Ein paar Tage im Betrieb zeigen dir mehr als jede Broschüre. Wie das abläuft, steht in unserem Beitrag zum Schnuppertag vor der Lehre.
- Frag konkret nach. Verkürzung ja oder nein, Lehrlingseinkommen, Berufsschule, Weiterbildung nach der Lehre: Das sind alles faire Fragen.
Die aktuell ausgeschriebenen Stellen in der Region findest du bei den offenen Lehrstellen. Viele Betriebe nehmen das ganze Jahr über Lehrlinge auf, der Start muss also nicht immer im Herbst sein.
Und nach der Lehre?
Mit Matura und Lehrabschluss hast du eine Kombination, die am Arbeitsmarkt richtig gut ankommt. Du hast Praxis, du hast Allgemeinbildung, und du kannst dich in viele Richtungen weiterentwickeln. Nach der Lehrabschlussprüfung kannst du als Fachkraft arbeiten, die Meisterprüfung oder Werkmeisterschule machen oder doch noch studieren, dann allerdings mit Berufserfahrung und oft mit einer viel klareren Vorstellung, was du eigentlich willst. Mehr Ideen dazu gibt es im Beitrag zur Weiterbildung nach der Lehre.
Häufige Fragen zur Lehre nach der Matura
Wie viel kürzer ist die Lehre nach der Matura?
In der Regel um ein Jahr. Ein dreijähriger Lehrberuf dauert dann zwei Jahre, ein vierjähriger drei. Zweijährige Lehrberufe werden nicht verkürzt. Mit einer facheinschlägigen BHS kann zusätzlich mehr angerechnet werden.
Muss ich die Lehrzeit verkürzen?
Nein. Die Verkürzung ist freiwillig. Du kannst mit deinem Lehrbetrieb auch die volle Lehrzeit vereinbaren.
Bekomme ich mit Matura mehr Lehrlingseinkommen?
Das hängt vom Kollektivvertrag und vom Betrieb ab. Viele Betriebe zahlen Maturantinnen und Maturanten schon im ersten Abschnitt das Einkommen des zweiten Lehrjahres, und für Lehrlinge über 18 sehen manche Kollektivverträge höhere Beträge vor.
Muss ich in die Berufsschule?
Ja, die Berufsschule gehört zur Lehre. Meistens kannst du aber eine Schulstufe überspringen und dich auf Antrag von einzelnen Fächern befreien lassen, wenn du die Vorkenntnisse nachweist.
Bin ich mit 19 oder 20 nicht zu alt für eine Lehre?
Überhaupt nicht. Viele Lehrlinge starten erst nach der Matura, nach einem abgebrochenen Studium oder nach ein paar Jahren in einem anderen Job. Für Betriebe ist dein Alter eher ein Plus als ein Minus.
Fazit: Die Matura ist kein Grund, auf eine Lehre zu verzichten
Eine Lehre nach der Matura ist kein Umweg, sondern eine ziemlich schlaue Abkürzung in den Beruf. Du bist schneller fertig, verdienst von Anfang an, hast in der Berufsschule weniger doppelt zu lernen und stehst am Ende mit zwei Abschlüssen da. Wenn du Lust auf echte Praxis hast, schau dich bei den Lehrberufen um, finde deinen Wunschbetrieb und bewirb dich direkt über die offenen Lehrstellen auf SKILL UP!.